Die Ursachen für diese Fehlregulationen liegen vermutlich auch in den im letzten Jahrhundert an Menge, Anzahl und Stärke extrem zunehmenden äußeren Impulsen und Umwelteinflüssen. Da unser vegetatives Nervensystem nun aber einmal so programmiert ist, auf all diese äußeren Impulse vegetative Antwort-Regulations-Reize produzieren zu müssen, wird es mit zunehmender Anzahl dieser Impulse aus dem Außen immer wahrscheinlicher, dass es diesen vielleicht nicht mehr gewachsen ist oder – anders betrachtet – nur mit den evolutionsbiologisch vorgegebenen Schablonen der Kampf-Antwort (Sympathikusaktivierung) oder Erschöpfungs-Antwort (Parasympathikusaktivierung) reagieren kann. Wir sind eben evolutionsbiologisch betrachtet nicht darauf programmiert, die massenhafte Flut von Umwelteinflüssen unserer modernen Zivilisationsgesellschaft parallel verarbeiten zu müssen. Genannt seien hier exemplarisch nur:
- das ständige Berieseln mit oft viel zu lauter Musik und andere Lärmbelastungen
- das ständige Beantworten von Telefonaten, E-Mails, SMS
- die enge Taktung vieler Arbeitsprozesse, die uns oft aus Gründen der Wirtschaftlichkeit von Maschinen vorgegeben werden
- aber auch die vielfältigen Einflüsse von Medikamenten, Umweltchemikalien, synthetischen Duftstoffen wie in Parfüms etc.
- das Essen teilweise synthetisch hergestellter Nahrungsmittel, extrem zuckerhaltiger Brausen (zum Teil versetzt mit Coffein, Taurin..) – Stichwort „Convenience Food“ – das so genannte bequeme Essen im Sinne vorgefertigter Nahrungsmittel
- die teilweise extremen Temperaturwechsel beim Wechseln von klimatisierten in nicht klimatisierte Räume oder Autos
- die unkontrollierte zeitgleiche Bestrahlung durch Funkwellen, Mikrowellen (Elektrosmog) etc.
- die Einflüsse von Aufputschmitteln, Drogen, Doping-Mitteln…
Kurz: die Daueranspannung unseres vegetativen Nervensystems. Kein Wunder, dass dieses aus evolutionärer Sicht uralte Nervensystem, das eigentlich nur zwei Arbeitszustände kennt, die Programmierung auf Kampf (Sympathikusaktivierung) oder Ruhe und Erholung (Parasympathikusaktivierung), dann eben auch mal aus dem Ruder läuft, indem es bei all den auf es einprasselnden Umwelteinflüssen in der Kampf- und Abwehrstellung verharrt und dementsprechende Fehlsteuerung veranlasst.
Entsprechend vielschichtig stellen sich dann die neuen Krankheitsbilder unserer Zivilisationsgesellschaft dar mit in der Erschöpfung und im Burnout befindlichen Menschen, die dennoch nicht zur Ruhe kommen können, trotz völliger Erschöpfung abends nicht in den Schlaf finden, nachts schweißgebadet erwachen und nicht wieder einschlafen können. Der zunehmenden Anzahl von Tinnitus-Patienten, denen psychosomatisch betrachtet „die innere Stimme“ ständig in den Ohren liegt und die dadurch nicht zur Ruhe kommen usw.
Merken Sie etwas? Bei vielen unserer Zivilisationskrankheiten fehlt „einfach nur“ das innere Gleichgewicht zwischen Ruhe und Anspannung, genau das, was ein gesundes vegetatives Nervensystem zu garantieren vermag. Man könnte sagen, dass das vegetative Nervensystem quasi vergessen hat, was Entspannung eigentlich ist.
Sehr schön können wir dies übrigens im Rahmen einer HRVT (HerzRatenVariabilitätsTestung) diagnostisch dokumentieren, die ich in meiner Praxis anwende. Hierbei misst ein Computersystem einfach über mehrere Minuten die Regulation ihres Herzrhythmus und kann daraus den in ihren Herzrhythmus quasi „eingebrannten“ Stresslevel diagnostizieren.
Helfen können hier neben neuraltherapeutischen Behandlungen vegetativer Schlüsselzentren wie zum Beispiel der Schilddrüse natürlich vor allem erst einmal die Reduktion der weiter oben erwähnten äußeren Störimpulse. Aber auch Infusionen mit Cholin, Magnesium, Procain, Basen etc., Akupunktur, Homöopathie, Phytotherapie (Therapie mit Pflanzenwirkstoffen), Farblichttherapie, eine Farblichtbrillen-Ton-Behandlung (z.B. mit Spectral vision der Firma Mindworld) und viele andere Therapien können helfen, das Nervensystem erst einmal wieder in die Entspannung (also die Parasympathikotonie) zu bringen. Sebstverständlich sollten auch klassische Entspannungsmethoden wie Meditation, Yoga, progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Taichi und Qi Gong in Erwägung gezogen werden.
Wer als Therapeut schon einmal erlebt hat, wie z.B.
…durch die bloße einfache neuraltherapeutische Infiltration eines auf ein Zahnherdgeschehen verdächtigen Zahnes z.B. ein chronisches therapieresistentes Schulterschmerzsyndrom (im Sinne einer Periarthritis humeroscapularis) verschwindet,
…wie durch bloße Infiltration von Narbengewebe in angrenzenden Geweben Sensibilitätsstörungen, Kopfschmerzen oder Migräne verschwinden,
…wie in ihrem Geruchssinn gestörte PatientInnen durch neuraltherapeutische Infiltration der Trigeminusäste oder des Ganglion sphenopalatinum plötzlich wieder riechen und schmecken können…
der möchte dieses diagnostisch und therapeutisch wirksame Behandlungskonzept nicht mehr missen.
Übrigens: die Schulmedizin tut sich nach wie vor schwer mit der Anerkennung der Neuraltherapie – mit Ausnahme der aus dem Facharztbereich der Anästhesie bekannten Infiltration von Nervensträngen im Rahmen der Schmerztherapie. Ein Grund hierfür ist sicherlich die in vielen Bereichen fehlende Reproduzierbarkeit des oben beschriebenen „Sekundenphänomens nach Huneke“, da dieses ebenso wie auch viele andere neuraltherapeutische Effekte eben nicht auf anatomisch bzw. physiologisch quasi fest „verdrahteten“ und damit klar definierten Wegen verläuft, sondern den individuell gestörten vegetativen Regelkreisen des einzelnen Patienten Rechnung trägt. Entsprechend schwer ist es, dies im Rahmen eines schulmedizinischen Studiendesigns abzubilden bzw. zu bewerten. Ich finde das aber auch gar nicht weiter schlimm. Denn schließlich gibt es den viel zitierten und berechtigten Ausspruch: „Wer heilt, hat Recht“.
Davon abgesehen nähert sich auch die Schulmedizin durchaus indirekt dem Erklärungsmodell der Neuraltherapie an: in der klinischen Umweltmedizin gilt es heute nämlich mittlerweile als gesichert, dass chronische Entzündungszustände (sogenannte Silent inflammations) schwerwiegende organische Erkrankungen auslösen oder zumindest mitbedingen können. Selbst Erkrankungen wie zum Beispiel die Depression werden zu Recht hinsichtlich ihrer Auslösung in kausalem (also ursächlichem) Zusammenhang mit Silent inflammations diskutiert.